Das Totenbuch und die Reise durch das Jenseits
Kaum ein Text vermittelt einen so unmittelbaren Eindruck von der ägyptischen Jenseitsvorstellung wie das sogenannte Totenbuch. Die darin gesammelten Sprüche und Illustrationen sollten den Verstorbenen auf seinem gefahrvollen Weg durch die Unterwelt begleiten und ihm den Eintritt in ein glückliches Weiterleben sichern.
Aufbau und Verbreitung des Totenbuches
Der moderne Name „Totenbuch" ist eine Konvention der Ägyptologie – die Ägypter selbst bezeichneten die Sammlung als „Sprüche vom Herausgehen am Tage". Es handelt sich nicht um ein einheitliches, feststehendes Werk, sondern um einen Pool von rund 200 Sprüchen, aus dem für jeden Verstorbenen individuell eine Auswahl auf Papyrusrollen zusammengestellt und mit dem Leichnam bestattet wurde.
Ab dem Neuen Reich verbreitete sich diese Praxis über die Elite hinaus auch in wohlhabenderen Bevölkerungsschichten, die sich eigens angefertigte, oft reich illustrierte Papyri leisten konnten.
Die Herzwägung vor Osiris
Den emotionalen und theologischen Höhepunkt fast jedes Totenbuch-Exemplars bildet die Szene der Herzwägung. Der Verstorbene wird von Anubis vor den thronenden Osiris geführt, wo sein Herz auf die eine Seite einer Waage gelegt wird, während auf der anderen Seite die Feder der Maat liegt.
Fällt das Urteil negativ aus, droht dem Herzen die Verschlingung durch Ammit, ein Mischwesen aus Krokodil, Löwe und Nilpferd, was einer endgültigen Vernichtung der Seele gleichkommt. Fällt die Waage hingegen im Gleichgewicht aus, wird der Verstorbene von Thot als „gerechtfertigt" protokolliert und darf ins Reich des Osiris eintreten.
Die 42 Geständnisse (negatives Sündenbekenntnis)
Vor der eigentlichen Wägung musste der Verstorbene in Spruch 125 des Totenbuches vor 42 Totenrichtern eine lange Liste an Verfehlungen verneinen, die er zu Lebzeiten nicht begangen haben will – etwa Diebstahl, Lüge, Gewalt oder Habgier. Dieses sogenannte negative Sündenbekenntnis gibt einen bemerkenswert konkreten Einblick in den ethischen Wertekanon des Alten Ägypten und die Vorstellung von einem an Maat orientierten, rechtschaffenen Leben.
Das Papyrus des Ani als berühmtestes Beispiel
Zu den bekanntesten erhaltenen Exemplaren zählt der Papyrus des Ani aus der 19. Dynastie, heute im British Museum in London aufbewahrt. Seine detaillierten, gut erhaltenen Illustrationen der Herzwägung gehören zu den meistreproduzierten Bildquellen der ägyptischen Jenseitsvorstellung und vermitteln bis heute einen der anschaulichsten Eindrücke davon, wie sich die Ägypter den Übergang ins Jenseits vorstellten.
- Ursprünglicher Titel: „Sprüche vom Herausgehen am Tage"
- Zentrale Szene: die Herzwägung vor Osiris
- Bekanntestes Exemplar: der Papyrus des Ani, British Museum, London
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